Ex-Bundesminister Norbert Blüm rezitierte eigene Texte zu Saint-Saëns "Karneval der Tiere"

Da nun einmal Karnevalszeit ist, durften sich auch die musikalischen Protagonisten des Abends von ihrer heiter-komischen Seite zeigen: die Organisten Christian Weiherer und Norbert Düchtel ersetzten vierhändig und vierfüßig dem Ex-Minister nicht nur spielend das Kammerorchester von Saint-Saëns, sondern zogen bei der durchaus ernst zu nehmenden Bearbeitung von Maurice Ravels "Bolero" und den durchaus unterhaltsam gedachten Orgel-Versionen von Straußschen Polkas selten gespielte Register der Vleugels-Orgel im Erftal-Dom.
Camille Saint-Saëns hat mit seinem "Karneval der Tiere" eines der populärsten Musikstücke der sogenannten E-Musik geschaffen - und es selbst Zeit seines Lebens nur in Privatzirkeln aufführen lassen, weil er um seinen Ruf als seriöser Komponist fürchtete. Für den in wenigen Tagen entworfenen musikalischen Spaß plünderte er den Melodienschatz von Vorgängern und Zeitgenossen. Da tanzen die Schildkröten - grotesk verlangsamt - den Can Can aus Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt", der Elefant bewegt sich gravitätisch durch Berlioz "Sylphen-Ballett" und die Fossilien klappern munter zu Saint-Saëns eigenem "Danse macabre".
Mittlerweile ist es üblich geworden, dass sich Prominente an mehr oder minder witzigen Zwischentexten zu den 14 Mini-Musikstücken versuchen. Über allem thront auch hier wieder einmal Loriot, aber Norbert Blüms Version gehört durchaus zu den originellen.
Wer so lange als Dompteur im Polit-Zirkus mitgemacht hat, der weiß natürlich, wo die Quallen und die Goldfische, die Hühnmer und die Schwäne stecken. Ganz zu Beginn nimmt der Löwenkönig Gerhard, als "Herrscher der Berliner Tafelrunde" mit rot-grünem Fell, in der Manege Platz. Saint-Saëns Musik zitiert dazu Wagner - den "Fliegenden Holländer", wenn auch in diesem Fall die "Götterdämmerung" passender gewesen wäre. Und schon haben die Hühner ihren gackernden Auftritt, darunter die Glucke Ulla.
Im Aquarium schluckt die schwarze Giftqualle Joschka grüne Algen und die Känguruhs aus den Fraktionen zeigen mit ihrem Tanz, wie in Deutschland Politik funktioniert: mit leerem Beutel große Sprünge machen, ohne sich vorwärts zu bewegen. Bei der Beschreibung des Zustandes der Staatskasse wechselte die Musik in Moll und unüberhörbar ließ sich - nein, nicht der Eichel-Häher, sondern der Kuckuck vernehmen.
Und dann kam er schließlich doch noch, als Gegenentwurf zu König Gerhard: der Schwan Angela, der die Schöpfung mit sich selbst versöhnt. Wie schön könnte doch die Welt sein, wenn Schwan Angela nicht immer so die Mundwinkel hängen ließe. Und der dies alles erzählte, er hatte für sich selbst ebenfalls ein passendes Tier auserkoren: Nobbie, den kleinen Elefanten im Porzellanladen. Nobbie hatte an diesem Abend in Hardheim eine Vision. Nach einer von rot-grün in gelb-blau wechselnden Dämmerung geht schließlich alles in eine angenehm-schwarze Nacht über.
Während Norbert Blüm am Ambo der Hardheimer Kirche sein Bild vom "Karneval der Tiere" und der Narretei der Politik entwarf, ließen oben an der Orgel Norbert Düchtel und Christian Weiherer gewohnte Hörerlebnisse vergessen. Sie hatten Saint-Saëns Musik, ursprünglich für Kammerorchester und Klavier geschrieben, für Orgel umarrangiert - und eine eigenständige und außergewöhnliche Interpretation gefunden.
Wie auch bei Ravels "Bolero". Der hatte übrigens ein ähnliches "Schicksal" wie der "Karneval der Tiere". Vom Komponisten lediglich als Instrumentationsskizze gedacht, wurde das Orchesterstück zum Ohrwurm auf den Klassik-Bühnen. Für Weiherer und Düchtel bot Ravels Komposition geradezu ideale Voraussetzungen, um die Klangfarben der Orgel, vom Pianissimo des Beginns bis zum Fortissimo der Schlusstakte, vorzuführen. Die Vleugels-Orgel war in der Bearbeitung der beiden Musiker nicht nur orchestrales Instrument, sondern Orchester an sich.
Mit einem zwinkernden Auge hatten die beiden Organisten zuvor vier Polkas von Johann Strauß dargeboten. Ein bisschen fühlte man sich bei diesen technischen Bravourstücken an die mechanischen Jahrmarktsorgeln erinnert. Bei Johann Strauß bedienten sich Düchtel und Weiherer dann auch zum Schluss: Der "Radetzky-Marsch" war der "Rausschmeißer" für die 800 Zuhörer in der St. Alban-Kirche. Zuvor hatten diese den Musikern und ihrem Rezitator mit begeistertem Beifall verziehen, dass an diesem Abend nicht Bach, nicht Reger oder Messiaën zu hören gewesen war, dass in er Karnevalszeit die Kirche auch einmal Ort für die Aufführung von heiter-komischen Werken sein durfte. Jürgen Strein
© Fränkische Nachrichten - 10.02.2004
