Mal innig verhalten, dann wieder progressiv modern Musikfreunde begeistert: Zusammenspiel von "Elefant" und "Maus"

"Ein Wagnis", wie der evangelische Seelsorger es bezeichnet, "das sich gelohnt hat". Ein einzigartiges Musikerlebnis! Allemal würdig, die Reihe der außergewöhnlichen Konzerte mit namhaften Organisten auf der Vleugels-Orgel in Hardheim, "der größten modernen Orgel zwischen Aschaffenburg, Würzburg und Eberbach" - so Pfarrgemeinderatsvorsitzender Bernhard Berberich bei der Begrüßung - fortzusetzen. Zugleich war es die erste Veranstaltung der Freunde der Erftaldomorgel in diesem Jahr, zustande gekommen durch die Initiative von Hans-Georg und Silvia Vleugels auf Anregung von Friederike Kroitzsch.
Pfarrer Müller-Froß sprach in bildhaftem Vergleich von einer "Maus" und einem "Elefanten". Er charakterisierte damit sehr treffend die Gegensätze der Instrumente, aber zugleich auch die Wirkung der Darbietungen auf den Zuhörer und nahm im Grunde eine Interpretation des Konzertes mit all seinen verschiedenen Facetten vorweg: "Verträgt es der Elefant befingert, geschlagen und getreten zu werden, so darf man das Mäuschen nur küssen und streicheln. Baut der Elefant großartige Klangkathedralen auf, so gibt das Mäuschen zarte, warme und gefühlvolle Töne von sich. Erfährt man in den Tongemälden der Orgel Gott in seiner Herrlichkeit und Majestät, so begegnet man Gott in den Klängen der Mundharmonika wie der Prophet Elia im ‚sanften Säuseln’". Nur schade, dass man von den interessanten Erläuterungen des Geistlichen zum Programm rein akustisch kaum etwas verstanden hat.
Das Timbre macht - viel mehr noch als die offensichtliche Mächtigkeit und Klangfülle - den wesentlichen musikalischen Unterschied zwischen der etwa 20 Zentimeter langen Mundharmonika und der meterhohen Kirchenorgel aus. Das bekamen die Zuhörer gleich zu Beginn in der "Sonatina" von James Moody (1907 - 1995) im "Allegro espressivo" und "Siciliano" eindrucksvoll demonstriert. Selbstredend dass bei derartiger Gegensätzlichkeit der Instrumente die Interpreten umso feinfühliger aufeinander eingehen mussten.
Das "Allegro moderato" war von besonderer Lebendigkeit und Spielfreude geprägt, wobei Alice Duková die Möglichkeiten der Hardheimer Vleugels-Orgel wirkungsvoll in Szene setzte und mit Hilfe der Registervielfalt eine instrumentale Vielfalt simulierte, die teils sehr stark an den Klang von Kirmes-Orgeln erinnerte.
Geradezu prädestiniert ist das ungewöhnliche Zusammenspiel von Mundharmonika und Orgel, wenn es darum geht, die Melancholie und unendliche Weite der russischen Steppen musikalisch wiederzuspiegeln. In einer, bei keinem anderen Programmpunkt so stark zu spürenden Harmonie, vereinigten sich beide Instrumente in Serge Rachmaninoffs "Vocalise (Op. 34 Nr. 14) in einem eindringlich-innigen Melodienfluss.
Schroff kontrastierend dazu die "Toccata" (Op.53) von Louis Vierne (Orgelsolo): Auf ganz andere, tänzerisch brillante Weise gelang es der Organistin, in atemberaubend rasantem Tempo eine nicht minder interessante Tonmalerei entstehen zu lassen. Die eminent hohen Anforderungen meisterte sie mit einer verblüffenden Leichtigkeit und pianistischer Geläufigkeit.
Besinnlich meditativ dann wieder der Solo-Part des Mundharmonikaspielers in "Syrinx" von Claude Debussy. Ein Stück für die Seele mit ebenso viel Gefühl beseelt, komponiert als Schauspielmusik, als Begleitung zum "Tanz der Nymphen".
Mal innig verhalten, dann progressiv modern: Auch in der Literaturauswahl prägte eine ungewöhnliche Vielfalt das ungewöhnliche Konzert. Eine schöne, besonders feine Variante stellte im Folgenden die (voraussichtlich unechte) Bach-Sonate in Es-Dur (BWV 1031) dar, bei der deutlich spürbar wurde, dass Flötenstücke auf der Mundharmonika trefflich nachempfunden werden können. Alice Duková und Ulrich Müller-Froß musizierten mit einer filigranen Durchlässigkeit und Leichtigkeit, dass es eine Freude war zuzuhören. Schade, dass die englische Chororgel aus dem Jahre 1855 mit ihrem weichen Timbre nicht öfter zum Einsatz kam.
Als excellenter Könner seines Fachs erwies sich der Bofsheimer Pfarrer bei Arthur Honneggers "Danse de la chèvre", 1919 fürs Theater geschrieben. Es empfindet die Erinnerungen einer alternden Ziege nach, feiert nochmals die Höhepunkte ihres Lebens, um dann wieder in die Erinnerung zu versinken. Musikalisch umgesetzt im Wechsel von schnellen Läufen und eindringlich verhaltenen, schwierige Tonfolgen, dazwischen mehrtonige Passagen, mal melodiös, mal fetzenhaft proklamierend.
Auch Petr Ebens "Studentenlieder aus Faust" leben vom Kontrast: Progressiv moderne Passagen wechseln mit Reminiszenzen alter Studentenherrlichkeit bis hin zum unvermittelt exzessiven "Absturz". Wahrlich kein Spaziergang der Organistin auf den Manualen, sondern ein Hin- und Herwirbeln auf den Tasten, das eine bravouröse Beherrschung des Instrumentes und virtuose Fingerfertigkeit voraussetzt.
Eine eigenwillige Herausforderung mit höchsten Anforderungen an die beiden Musiker stellte auch Ralph Vaughn-Williams "Romance for Harmonica" dar, "eine der Perlen der Mundharmonikaliteratur und in unserer Bearbeitung sicherlich einzigartig", so Ulrich Müller-Froß.
Ruhiger und besinnlicher das als Requiem konzipierte "Pavane" von Paul Lewis (geboren 1943), bevor sich das Konzert mit einer Uraufführung Martin Klinglers seinem Ende zuneigte: Wuchtige Klangfülle im "Introduzione", liedhafte Leichtigkeit im "Scherzando". Dabei ließ der junge Pianist, Komponist und Dirigent aus Müllheim die Ausführenden nochmals alle (Spezial)-Register ziehen. Effekte wie Paukenschlag und Regenschauer akzentuierten die zeitgenössische Komposition.
Mit Standing Ovations honorierten die begeisterten Zuhörer die Leistung von Alice Duková und Ulrich Müller-Froß, die sich mit der bekannten Winnetou-Melodie von den Musikfreunden aus Hardheim verabschiedeten.
Ingrid Eirich-Schaab
© Fränkische Nachrichten - 19.04.2005
