Kirchenmusik aus vier Jahrhunderten

Hardheim. Ein Klangschauspiel besonderer Art erlebten leider nur wenige Orgelmusikliebhaber am Sonntagabend in der Pfarrkirche St. Alban. Unter dem Motto "Orgelmusik aus vier Jahrhunderten" lief Bezirkskantor Georg Koch (Mühlhausen) an der Vleugelsorgel des Erftaldoms zur Höchstform auf. Koch studierte an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau Kirchenmusik und Orgel. Der Bezirkskantor für die Region Bodensee hat seinen Stammsitz an der Pfarrkirche Herz-Jesu in Singen und ist darüber hinaus für das Erzbistum Freiburg als Orgelsachverständiger tätig, informierte der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Bernhard Berberich, die Konzertbesucher. Der Organist selbst sprach einführende Worte zu den Komponisten, Werken und Instrumenten des Konzertabends.

Die englische Chororgel aus dem Jahr 1855 brachte Bezirkskantor Georg Koch zuerst - noch sichtbar für die Zuhörer - zum Klingen. Mit der "Toccata quinta sopra i pedali per l´organo Bergamasca" erfüllte zarte und verspielte Musik des italienischen Komponisten Girolamo Frescobaldi (1583 - 1643) das Gotteshaus. Anschließend wechselte Georg Koch seinen "Arbeitsplatz" und entzog sich so, nun an der Spielbank der Hauptorgel auf der Empore, den Blicken der Konzertbesucher. Diese konnten sich nun ganz auf den einen Sinn, das Hören, konzentrieren. Das "Praeludium in D" von Johann Ludwig Krebs (berühmter Schüler Johann Sebastian Bachs) überzeugte klanggewaltig. Koch spielte so fließend, dass die Ohren passagenweise kaum Einzeltöne wahrnehmen konnten.

Die weichen und wohltuenden Klänge des Choralvorspiels zu "Jesu meine Freude" bildeten einen Kontrast zu dem ersten, eher energischen und getriebenen Werk von Krebs. Mit der "Fuga in D" präsentierte Georg Koch das dritte Stück des Bach-Schülers Johann Ludwig Krebs; monumental ertönte die 2001 restaurierte Vleugelsorgel, wobei das tiefe Register in Fugenmanier der Melodie des höher temporierten "Kollegen" folgte.

Da der Bezirkskantor sein Können in Paris und Basel verfeinerte, durften französische Komponisten nicht im Programm fehlen. Der Sprung vom 18. ins 20. Jahrhundert brachte moderne Orgelliteratur mit sich. Die drei "Gesänge" von Jean Langlais (1907 - 1991) waren geprägt von einem Ereignis, dessen Ende vor 60 Jahren erst vor Kurzem gefeiert wurde: Der Zweite Weltkrieg. Im "Chant héroique" verarbeitet der Komponist den Tod eines Freundes beim Kampf für das Vaterland. Die düstere, zerrissene und disharmonische Musik zeichnete das Bild einer Schlacht und dem darin untergehenden Einzelschicksal eindrucksvoll. Hetze, Kanonenfeuer und das Poltern der Massen wurde genauso hörbar wie das leise Klagen des Sterbenden. Teile der französischen Nationalhymne hatte der blinde Pariser Organist Langlais ebenfalls in seinen "Heldengesang" eingearbeitet. In den beiden Stücken "Chant de Paix" und "Chant de Joie" vertonte Langlais den vorsichtig, aber stetig, keimenden Frieden und eine impulsive Freude. Doch die Disharmonien und die Verbitterung des Krieges klangen unterschwellig mit.

Den Höhepunkt des Abends bildete Musik, die gewöhnlich eher von einem Orchester gespielt wird. Doch "eine Orgel, sie ist ein Orchester" zitierte Bezirkskantor Koch und so spielte er die erste "richtige" Orgelsinfonie mit dem Titel "Grande Pièce symphonique" von César Franck (1822 - 1890) voller Hingabe. Wer sich wie die Fränkischen Nachrichten auf die Orgelempore geschlichen oder wie Jutta Biller dem Künstler assistierte, der konnte auch sehen, was im Erftaldom zu spüren war: Georg Koch leistete Schwerstarbeit mit höchster Konzentration und "Ganzkörpereinsatz" für seine Berufung und Leidenschaft, die Orgelmusik. Ob verträumte Melodien, tiefe Töne, die bis in den Magen gingen, schnelle Pedalläufe und das übergangslose Kommen und Gehen der Töne im Klangraum Erftaldom: der Orgelsachverständige Georg Koch bot Orgelmusik vom Feinsten und schöpfte seine Stärken und die der Vleugels-Orgel voll aus.

Die beeindruckten Zuhörer sparten am Ende des Konzertabends nicht mit Applaus und der Kirchenmusiker dankte es ihnen mit der Zugabe "Praeludium pastorale" von John Stainer. bine

© Fränkische Nachrichten - 05.07.2005