Stummfilmimprovisation "Jeanne d'Arc" von Domorganist Stefan Schmidt

 

Quelle: Foto: Zegewitz

Hardheim. Mit seiner spektakulären und aufwühlenden Orgel-Improvisation zum Stummfilm "La Passion de Jeanne d'Arc" ("Der Leidensweg der Jeanne d'Arc") von Carl Theodor Dreyer aus dem Jahr 1928 gelang dem Würzburger Domorganisten Stefan Schmidt am Sonntagabend in der Pfarrkirche St. Alban eine vollauf überzeugende und dem Filmgeschehen adäquate instrumentale Charakterisierung. Die in dem Film dargestellte dramatische Entwicklung im Prozess gegen Jeanne d'Arc ging - optisch und akustisch gleichermaßen ergreifend - sprichwörtlich unter die Haut. Die Besucher erlebten in nachdenklich stimmender Form, wie unerbittliche, hasserfüllte Theologen und Richter rücksichtslos und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln das angestrebte Ziel erreichen. Ohne Skrupel und Bedenken sprechen sie, die Macht in Händen und von der Richtigkeit und Rechtmäßigkeit ihres Vorgehens überzeugt, über die schlichte, fromme Frau das Todesurteil aus und lassen dieses rigoros vollstrecken. Wie stark die filmische Darstellung des Schicksals der Jeanne d'Arc und die instrumentale Interpretation des Geschehens durch den Würzburger Domorganisten in ihren Bann zogen, wurde am Ende dieses besonderen Konzertes deutlich: Erst nach einigen Minuten der Distanz fanden die Besucher zurück in die Gegenwart und den Mut, dem Organisten mit nachdrücklichem Beifall ihre Anerkennung für seine anspruchsvolle, zutiefst anrührende und natürlich von subjektiver Sichtweise und teilweise von übermächtiger, nahezu körperlich spürbarer Klangfülle geprägte Orgel-Improvisation zu bekunden. Der 1928 gedrehte und zu den bedeutendsten französischen Werken der 20er Jahre zählende Film wurde 1981 in Dänemark wiederentdeckt. In Hardheim wurde er am Sonntag in einer bearbeiteten Fassung mit englischen und französischen Untertiteln auf Großleinwand gezeigt. "Der Leidensweg von Jeanne d'Arc" ließ die Besucher die junge, verschreckt und friedvoll wirkende Frau vor einem Tribunal mächtiger Theologen mit einem englischen Bischof an der Spitze erleben, das sie mit dem Vorwurf der Ketzerei konfrontiert und mit dem Tod bedroht. Nichts mehr ist übrig geblieben von der strahlenden Heldin. Der Film, der auf historischen Prozessakten der Pariser Universität basiert, zeigt Jeanne d'Arc als einfache, fromme Frau, die auf die verfänglichen Fragen der hinterhältigen Theologen in erstaunlicher Weise zu antworten versteht. Die Fragen der Richter prasseln geradezu in Sturzbächen auf Jeanne d'Arc herab. Ihre Reaktionen auf die Antworten spiegelten sich in beeindruckender Weise in den großformatig präsentierten, höhnisch-lauernden, drohenden und nur selten mitleidsvollen Gesichtern wider. Ebenso eindrucksvoll das Gesicht von Jeanne d'Arc mit ihren großen Augen, angstvoll aufgerissen oder in stummer Qual leidend. Sie bleibt zwar zunächst standhaft, als ihr jedoch die Folterinstrumente gezeigt werden, unterschreibt sie die geforderte Erklärung. Darin gibt sie zu, dem Teufel erlegen zu sein. Das bringt ihr lebenslange Haft ein. Als sie dieses Geständnis widerruft, hat dies ihr Todesurteil zur Folge. Sie wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Tod löst einen Aufruhr aus, der blutig niedergeschlagen wird. In brillanter Weise vermochte Domorganist Stefan Schmidt der Handlung und der großartigen Schauspielkunst musikalisch Ausdruck zu verleihen und die einzelnen Szenen Dank seiner einfallsreichen Gestaltungskraft an der Orgel meisterhaft zu charakterisieren. Dabei nutzte er die gesamte Klangfülle und die Klangmöglichkeiten der Vleugels-Orgel und griff hie und da auch auf bestehendes Liedgut wie den Titel "Gottheit, tief verborgen" zurück, den er geschickt in seine Improvisation mit einbaute. Die Besucher zeigten sich von der Filmqualität und der Leistung des Organisten in höchstem Maße beeindruckt und gefühlsmäßig angesprochen. So schloss der Beifall am Ende auch den Dank an die Orgelmanufactur Vleugels und die katholische Kirchengemeinde ein, die dieses imposante Orgel-Kino möglich gemacht hatten. Pfarrgemeinderatsvorsitzender Bernhard Berberich verband seine Grußworte mit Erläuterungen zum Film und zum Organisten, ehe Domorganist Stefan Schmidt hierzu weitergehende Informationen gab. Die Besucher wurden schließlich noch über die nächstjährigen Orgelkonzerte informiert. Am 17. Februar gibt es "Orgel & Vogelstimmen", am Freitag, 27. Juni, kommt der international bedeutsame Orgelkünstler Professor Dr. Naji Hakim aus Paris nach Hardheim und schließlich wird das dritte Konzert mit Orgel und Saxophon gestaltet werden. Z Fränkische Nachrichten

06. November 2007